Humanismus lauf

Published on Juli 2nd, 2012 | by David Becker

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Krise des Humanismus? – Wenn die Erkenntnis der Aufklärung davon läuft. (2)

 

Wenn die Erkenntnis der Aufklärung davon läuft. 

Rückstand zur Wissenschaft: Wenn die Aufklärung unaufgeklärt ist.

Der Humanismus schreibt jedem Menschen von Natur aus eine Begabung zur Vernunft zu, beziehungsweise stellt ihm diese Vernunftfähigkeit als gesicherte Belohnung in Aussicht, sobald er sich geistig befreit, d.h. aufklärt.
Aufklärung bedeutet mit Nichten dem Menschen des „objektiv Richtige“ zu zeigen, sondern ihn dazu befähigen, seine ganz persönliche, subjektive Wahrheit zu suchen und zu finden. Dies wird leider immer wieder gerne vergessen, insbesondere wenn es darum geht, den Bürger politisch zu bilden und auf den sprichwörtlichen „richtigen Weg“ zu bringen.

Es mag eben genau dieser Grund sein, weshalb die historische Aufklärung in so starken Konflikt mit den Religionen kamen, welche über Jahrtausende in Sachen „Wahrheit“ die alleinige Deutungshoheit für sich beanspruchten. Damit gleichsam wie Erzieher über die Masse der ungebildeten Menschen wachten, welche in ihren Augen eben doch nur die „Schafe„ waren, also ungebildete Herdentiere ohne Fähigkeit zur Selbstverantwortung, die in erster Linie vor sich selbst geschützt werden muss.
Spätestens im 20.Jahrhundert zeigt sich dann, dass der Kampf der Aufklärung nur zu einem Scheinsieg geführt hat. Die Macht der Religionen schien, zumindest in Europa, gebrochen aber anstatt Dogmatismus und Fremdbestimmung von sich abzuwerfen, tauschte die Menschheit die Idee „Gott“ gegen andere Ideen aus, die ähnlichen, wenn nicht gar noch schlimmeren totalitären Charakter besaßen. (Und das in einer Zeit, die insbesondere für ihren Hang zur Verwissenschaftlichung bekannt war.)
Plötzlich wurden Menschen nicht mehr eingeteilt nach Glauben, sondern nach Rasse, Klasse, Ideologie und anderen Kriterien. Ein eher kosmetischer Unterschied, betrachtet man die Resultate dieser Differenzierung der Menschen in wertes und unwertes Leben oder Systemfeinde und Systemfreunde.

Hatte die Aufklärung also versagt?

Jeder Monotheismus trägt in sich zwangsweise den Charakter eines Totalitarismus. Ein omnipotenter Gott, der Alles sieht, selbst die Gedanken lesen kann, der bestimmt, richtet, befiehlt. Man nehme nur einmal die Bibel oder den Koran zur Hand und tausche „Gott“ oder „Allah“ gegen „Führer“ aus und es zeigen sich die erschreckenden Parallelen zwischen den totalitären Ideologien des 20.Jahrhunders und dem Christentum des Mittelalters oder dem Islam. Ich möchte gar die Hypothese aufstellen, der Nationalsozialismus oder Stalinismus sei nicht möglich gewesen, ohne die Jahrtausende lange Indoktrination der Menschen mit der Idee des „Allmächtigen und Allwissenden“. Gesellschaften, die über Generationen zu blindem und absolut selbstlosem Gehorsam gegenüber einer Autorität erzogen wurden, gleich welcher Natur diese ist, fällt es mit Sicherheit leichter sich an diktatorische Systeme zu gewöhnen als Gesellschaften, denen dies erspart blieb.

Es mag an dieser Stelle zynisch klingen aber Hitler und Stalin waren aufgeklärte Menschen. Sie nutzten ihren Verstand in vollem Umfang und dies ermöglichte ihnen, über die Masse der Unaufgeklärten zu verfügen, diese zu verführen und in den Tod zu schicken.
Dieses Beispiel soll zeigen, dass eine vollständig unaufgeklärte Gesellschaft ebenso gefährlich ist wie eine unvollständig aufgeklärte. Vielleicht hätte Hitler allein ein oder zwei Synagogen anzünden können, die Durchführung eines millionenfachen Holocaust benötigt massenhaft bereitwillige Helfer, die tun was man ihnen sagt, keine Fragen stellen und ansonsten möglichst wenig eigene Gedanken besitzen, geschweige denn diese aussprechen.

Ertrunken im Ozean des Wissens.

Gegen Ende des 20.Jahrhunderts schien dieser Fehler der Aufklärung überwunden. Der Weg der aufgeklärten Massen schien zwangsläufig in Demokratien zu führen, die Menschen überall nach Freiheit zu streben, wo ihnen Bildung zuteil wird, der Mensch also tatsächlich nach Humanismus zu streben, sobald er die Gelegenheit dazu hat. Soweit so gut.
Nun aber gerät dieser Weg an eine Marke die keiner zu erkennen scheint, weil sie selbst die Unkenntnis markiert.

Versetzen wir uns einmal einhundert oder zweihundert Jahre zurück. Das Wissen, welches wenige gebildete Menschen über die Welt bis dahin gesammelt hatten, war zwar bereits beträchtlich, für ein einzelnes Individuum jedoch weitestgehend erfassbar. Und so war auch jeder Mensch, gleich welcher Bildung, in der Lage, den Großteil der ethischen Alltagsfragen über eine halbwegs solide Basis an nötigem Grundwissen selbst zu beantworten. Hinzu kam, dass die Durchdringung des Alltags mit Hochtechnologien noch nicht so stark war, wie wir es heute kennen. Aufgrund dieser exklusiven Zugänglichkeit fanden sich nur wenige Personen überhaupt in einer Situation, die ihnen neue moralische und ethische Fragen, welche immer mit dem Umgang mit neuen Technologien verknüpft sind, zur Beantwortung aufgab.

Der technologische und wissenschaftliche Fortschritt wuchs jedoch exponentiell. Die weltweite Vernetzung ermöglicht einen Informationsaustausch gigantischer Quantität. Gehirne arbeiten heute nicht mehr allein oder in kleinen Zahlen, sondern in Kooperation mit hunderten oder tausenden Gehirnen auf allen Teilen des Globus. Der Output an Informationen schießt förmlich in den Sternenhimmel, während das Individuum noch mit den ersten Flugversuchen beschäftigt ist.
Kurzum: Das Wissen wächst schneller als der durchschnittliche Mensch es sich aneignen kann.
Bereits heute sind viele Menschen damit überfordert, den Anschluss an die Wissenschaft zu halten. Wie viele Prozent der Bevölkerung können erklären, was eine Kernfusion ist? Wie viele wissen, was eine DNA – Sequenzierung an Nutzen mit sich bringt? Ich möchte die Wette eingehen, nicht einmal jeder zehnte Mensch, der uns an einem beliebigen Ort über den Weg läuft, hat einen halbwegs durchdringenden Blick auf ökonomische Prozesse.

Dies soll kein Spott sein. 99 Prozent der Menschheit haben ganz andere, lebensrelevantere Probleme, die ihre 24 Tagesstunden allein bereits überziehen, als das sie sich nach einem langen, harten Arbeitstag mit den Büchern eines Dawkins, Hawkins oder Kostolany beschäftigen zu können. Um den arroganten Elitarismus, welcher in diesen Worten mitschwimmt, etwas abzumildern: Dies trifft nicht nur Arbeiter. Auch in Akademikerkreisen herrschen teils klaffende Wissenslücken vor und ich nehme hier gerne mich selbst als Beispielperson, die zwar halbwegs Ahnung von Politik, Philosophie und Biologie besitzt, bei vielen Detailfragen jedoch sehr rasch aus- und bei Fragen über die internationalen Finanzmärkte gar nicht erst einsteigt.

Trotzdem müssen wir, wenn wir wieder einmal an die Urne oder zu einer Volksabstimmung gerufen werden, im Prinzip Antworten auf Fragen zu allumfassenden Themen liefern können.
Eine Repräsentative Demokratie, in welcher das Volk nur Vertreter wählt, die sich alternativ für sie um die komplexeren Probleme kümmert, schwächt dieses Problem auch nur dann ab, wenn die gewählten Vertreter bzw. wenigstens die von ihnen befragten Experten den Durchblick besitzen.
Außerdem sollte die Wählerschaft nicht nur Personen wählen, die dazu fähig sind, das Richtige zu tun, sondern selbst dazu fähig sein zu erkennen, wenn denn das Richtige getan wurde. Denn Politiker sind in erster Linie auf Stimmen aus dem Volk angewiesen und werden wohl lieber bewusst das Falsche aber Populäre tun als das Richtige aber Unpopuläre. Und nichts stärkt sie in dieser Einstellung als ein positives Feedback auf eine unangemessene Reaktion.

Schuld und Sühne

Einen Teil der Schuld an diesem Zustand trägt die Wissenschaft dabei selber, sowie auch die Philosophie. Innerhalb akademischer Kreise wird es gerade zu als ein Sigel für niedere wissenschaftliche Qualität betrachtet, spricht man von „Populärwissenschaftlichkeit“.
Dieser Begriff ist ebenso negativ konnotiert wie das Adjektiv „populistisch“ in der Politik. Dabei haben beide Begriffe eine nicht unwichtige Bedeutung, denn so wie „Populismus“ eine Brücke zwischen politischer Elite und Wählerschaft baut, so stellt „Populärwissenschaft“ einen Übergang zwischen Akademikern und Nichtakademikern dar.
Selbstverständlich ist eine Brücke nur sinnvoll, wenn zwei Ufer existieren und wenn sich Alle auf der Brücke tummeln, dann bricht diese rasch ein. Mit Populismus allein ist es in der Politik nicht getan und „Populärwissenschaft“ verliert ohne ihren Wortstamm jegliche Seriosität. Ohne Brücke funktioniert ein Austausch zwischen den Menschen beider Ufer aber genau so wenig und je größer dieser Austausch, desto weniger die Gefahr für eine Seite, den Anschluss an die andere Seite zu verlieren.

Dabei zeigt sich immer wieder, dass die Nachfrage nach Aufklärung durchaus vorhanden ist. Bücher wie: „Das Universum in der Nussschale“ oder „Der Gotteswahn“ verkaufen such wie geschnitten Brot ohne Sättigungseffekt. Ihre Autoren erlangen dabei teilweise einen regelrechten Guru-Status, mutieren gar zu Superstars der Wissenschaft. Hierin liegt allerdings auch die Gefahr von Populärwissenschaft begraben. Dazu aber mehr im nächsten Teil von „Krise des Humanismus?“.

Fortsetzung folgt…

 

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