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Published on November 15th, 2012 | by Humanist News

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Beschneidungsdebatte: Beschneidungsopfer fordern Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages

 

Ein Gastartikel von Stefan Schritt
(Mitglied im Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V.)

Der Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. hat versucht, als Vertretung von Opfern einer Zwangsbeschneidung, an der Anhörung im Rechtsausschuss teilzunehmen. Wie schon bei der Anhörung im Justizministerium wurde uns eine Teilnahme verweigert. Nachdem nun eine erste Teilnehmerliste veröffentlicht wurde, mussten wir zudem eine sehr einseitige Verteilung der Sachverständigen feststellen.

Wir haben daraufhin in einem Brief an den Rechtsausschuss die Forderung wiederholt, auch diejenigen zu hören, die unter den Folgen ihrer erzwungenen Beschneidung in Kindesalter ein Leben lang zu leiden haben.

Anbei der Wortlaut des Briefes in der Hoffnung, daß weiter darüber berichtet wird, mit welchen Mitteln hier ein Pro-Beschneidungsgesetz ohne Berücksichtigung der möglichen Folgen für die zu Beschneidenden Kinder durchgedrückt werden soll.

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Facharbeitskreises Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. möchte ich Ihnen nochmals die Ladung eines negativ Betroffenen als Sachverständigen in die Anhörung des
Rechtsausschusses ans Herz legen.

Der Facharbeitskreis hat die Liste der für den 26.11. als Sachverständige eingeladenen Personen mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen. Die Besetzung der Anhörung wirkt doch außergewöhnlich einseitig. Neben drei für Beschneidungen verantwortlichen Ärzten – neben der Rabbinerin Dr. Deusel, die es öffentlich als Belastung für die betroffenen Kinder ansieht, selbst über die Vollständigkeit und Unversehrheit ihrer Genitalien bestimmen zu können, und Prof. Dr. Graf, dem es vor allem darum geht, seinen beschneidenden Ärzten Rechtssicherheit zu verschaffen, wurde mit Prof. Dr. Hakenberg ein Urologe geladen, der Beschneidung statt eines Kondoms zur AIDS-Prophylaxe empfiehlt. Warum dies bei Kindern sinnvoll sein soll – zumal Deutschland kein HIV-Hochrisikogebiet und die Benutzung von Kondomen als Mittel mit deutlich geringerer Eingriffstiefe und ungleich besserem Schutz möglich ist – bleibt schleierhaft.

Die Besetzung seitens der Juristen scheint auch nicht deutlich neutraler zu sein. Für Prof. Dr. Heinig führen die von ihm eingestandenen, angeblich bisher unbekannten Risiken nicht zu einer Forderung zukünftiger Untersuchungen, sondern zu der Schlussfolgerung, im Zweifelsfall Kinder und Männer weiterhin diesen Risiken und Folgen auszusetzen, denn das Recht auf religiöse Erziehung sei das “entscheidene Argument”.
Für Prof. Dr. Radke sind medizinisch nicht indizierte Amputationen Ausdruck von Pflege und Erziehung. Desweiteren bezweifelt er Spätfolgen bei Vorhautamputationen, verkennend, dass die Beweislast einer behaupteten Ungefährlichkeit vielmehr bei den Beschneidungsbefürwortern liegt, ein Nachweis, der jetzt schon angesichts der sich vermehrt sich zu Wort meldenden negativ von ihrer nichttherapeutischen Vorhautamputation Betroffenen weltweit unmöglich ist. Ein besonderer Affront als Wahl eines Sachverständigen für Betroffene scheint Professor Walter, der als Jurist – anscheinend in völliger Unkenntnis der physiologischen Gegebenheiten – der Meinung ist, Beschneidung mit Impfung gleichsetzen zu können.

Eine Bevölkerungsgruppe, die in der Wahl der Sachverständigen überhaupt nicht berücksichtigt wurde, sind die erwachsenen, von ihrer Vorhautamputation im Kindesalter betroffenen Männer. Gerade die von Frau Dr. Deusel geforderte radikale Beschneidung hat erhebliche Konsequenzen für das Sexualleben von Betroffenen. Längst nicht alle beschnittenen Männer
sind frei von teils erheblichen seelischen und körperlichen Konsequenzen, auch und grade für das Sexualleben, die sie ihr Leben lang erdulden müssen. Gerade wegen der Anwesenheit von beschneidenden Ärzten wäre es das Mindeste gewesen, dem Leiden dieser Männer eine Stimme zu geben. Neben der Ladung von Prof. Dr. Franz, als jemanden, der therapeutisch
mit beschnittenen Männern arbeitet, scheint es uns unerlässlich, auch betroffenen Männern in der Anhörung ein Gesicht und eine Stimme zu geben.

Um die Anhörung um diese absolut unverzichtbare Stimme zu ergänzen und zu vermeiden, dass sie in der Öffentlichkeit zurecht als Farce wahrgenommen wird, bitten wir Sie, sich dafür einzusetzen, dass ein Betroffener vom Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. zur Anhörung als zehnter Sachverständiger (außerhalb des Kontigents) geladen wird.

 

Update: Mittlerweile ist die Liste der Sachverständigen auf 11 angewachsen – davon 9 (!) erklärte Befürworter der Kindesbeschneidung, 2 Kritiker, und nach wie vor 0 (in Worten: null) Betroffene.

Die aktuelle Liste der “Sachverständigen” findet sich hier.

 

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18 Responses to Beschneidungsdebatte: Beschneidungsopfer fordern Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages

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